Nestwerk – Interwiew mit Kerstin Hack

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Kerstin Hack gründete und leitet nicht nur den Down to Earth Verlag in Berlin, sondern ist auch Autorin, Bloggerin und coacht auf ihrem eigenen Seminarboot auf der Spree.

Im Frühjahr ist sie 50 Jahre alt geworden und hat mehr Energie denn je – die von ihr gegründete Initiative Nestwerk Berlin koordiniert seit knapp zwei Jahren die Suche von Wohnraum für Geflüchtete.

Im Sommer 2017 läuft die Kampagne Mama mach mein Zimmer frei! / Papa rück die Bude raus!

 

Liebe Kerstin Hack, Sie sind Verlegerin, Bloggerin und coachen auf ihrem eigenen Seminarboot auf der Spree. Wie sind Sie zur Expertin für Wohnraum für Flüchtlinge geworden?

Kerstin Hack: Das ist – fast nebenbei – passiert, indem ich Willkommenskultur leben publiziert habe, einen Ratgeber für Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten wollen. Das Heft erschien zufällig im Oktober 2015 – zu der Zeit als sehr viele geflüchtete Menschen zu uns kamen.  Das stellte mich auch selbst vor die Frage, wo ich am effizientesten meinen Beitrag leisten kann, damit die Menschen gut ankommen können. Zuerst arbeitete ich mit neu angekommenen Frauen, doch dann wurde mir zunehmend klar: Wohnen ist ein zentraler Schlüssel zum Ankommen. Und in einer Stadt wie Berlin – mit ohnehin mehr als 50.000 Neuberlinern pro Jahr, die sich um Wohnungen bemühen – ist es eine besondere Herausforderung, passenden Wohnraum für Geflüchtete zu finden.

Wann ist die Initiative Nestwerk entstanden und wie entwickelt sie sich weiter?

Kerstin Hack: Nestwerk ist im Februar 2016 als loser Verbund von gut zwei Dutzend Initiativen entstanden, die sich um Wohnraum für geflüchtete Menschen bemühen. Wir koordinieren zum einen die Zusammenarbeit und versuchen zum anderen gegenüber öffentlichen Stellen gemeinsam aufzutreten. Berliner Initiativen sind herzlich eingeladen, sich uns anzuschließen. Auf der Seite von Nestwerk haben wir auch die uns bekannten Initiativen aufgelistet, die im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus ähnliches tun.

Welche Initiativen sind unter dem Dach Nestwerk engagiert und wie arbeitet ihr bislang mit jungen Geflüchteten zusammen?
Kerstin Hack:
Bei Nestwerk Berlin gibt es zum einen lokale Initiativen wie etwa At Home In Europe oder Wedding hilft, die aus der Begleitung der Menschen einer bestimmten Notunterkunft entstanden sind, zum anderen überregionale Initiativen wie Flüchtlinge Willkommen, die uns auch logistisch bei der Kampagne unterstützen. Für Jugendliche unter 18 gelten besondere Bestimmungen und rechtliche Rahmenbedingungen. Wir konzentrieren uns deshalb auf junge Menschen über 18, die gerne mit Einheimischen oder Menschen, die schon länger hier wohnen, zusammen leben möchten.

Wie bist Du auf die Idee für die Kampagne Mama mach mein Zimmer frei! / Papa rück die Bude raus!  gekommen?

Kerstin Hack:  Ich bin ein relativ pragmatischer Mensch. Mir ist klar, dass man in einer Stadt wie Berlin neuen, dringend benötigten Wohnraum nicht herbeizaubern kann. Deshalb war es für mich logisch, dass man sieht, welche vorhandenen Potenzale genutzt werden können – etwa die leerstehenden Kinderzimmer, wenn die Kinder ausgezogen sind.  Neben dem zwischenmenschlichen Gewinn für beide Seiten, kann auch das Geld, das man vom Amt für die Vermietung erhält dabei helfen, das ein oder andere Loch zu stopfen. Uns ist eine gute Verbindung zwischen den neu angekommenen und den schon länger hier lebenden Menschen wichtig – Zusammenleben für eine gewisse Zeit kann Brücken fürs Leben bauen.

Viele der großen Berliner Heime wie Tempelhof werden derzeit aufgelöst, warum würden die von Euch befragten Jugendlichen denn gerne temporär in deutschen Familien wohnen?

Kerstin Hack:  Wir haben mal eine informelle Umfrage gestartet – von den jungen Geflüchteten, die alleine nach Deutschland gekommen sind, gaben über die Hälfte an, dass sie gern in einer Familie oder einer WG wohnen möchten, um sich hier gut zu integrieren. Das ist eine ausgestreckte Hand, von der ich hoffe, dass Viele sie ergreifen.

Wie läuft das konkret ab, wenn ich mich in der Datenbank eintrage und was passiert mit meinen Daten? Was passiert dann und wie läuft die Vergütung?

Kerstin Hack: Die Vermittlung von Einzelpersonen übernimmt Flüchtlinge Willkommen, die in diesem Bereich schon mehrere Jahre Erfahrung haben. Sie halten natürlich alle Datenschutzregeln ein – die Daten werden nur intern verwendet. Wenn jemand ein Zimmer meldet, dann bemüht das Team sich darum, ein möglichst genaues Matching hinzubekommen – also einen Wohnungssuchenden zu finden, der zur Familie oder WG passt, also ähnliche Interessen und Lebensweisen hat. Das wird auch auf der Seite von Flüchtlinge Willkommen genau erklärt. Der ganze Auswahlprozess wird von einem erfahrenen Team begleitet – man ist mit seinen Fragen nie allein.

Kann ich mir dann aussuchen, wer in das Zimmer einzieht und wie finden Wohnungs- oder Zimmergeber heraus, wer zu ihnen passt?

Kerstin Hack: Es ist gut, sich möglichst im Vorfeld Gedanken darüber zu machen, ob man ein eher enges oder lockeres Zusammenleben anstrebt, ob es in Bezug auf Nahrung, Haustiere oder Lebensweise eine Einschränkung gibt. Oder auch welche Hobbies man hat und ob man sie gerne mit dem neuen Mitbewohner teilen möchte. Wenn jemand Passendes gefunden wurde, lernen die potenziellen Mitbewohner sich kennen – stimmt die Chemie, ist es wunderbar. Wenn nicht, können beide Seiten auch „Nein“ sagen.

Können die Jugendlichen schon Deutsch? Was machen sie den ganzen Tag und wie helft ihr bei Problemen?

Kerstin Hack: Viele junge Geflüchtete sind ja schon mehrere Monate, zum Teil sogar Jahre hier und haben Deutsch gelernt. Andere sprechen Englisch, Französisch oder Russisch als zweite Fremdsprache. Viele verbringen einen Teil des Tages in weiterführenden Sprachkursen oder bilden sich fort,  um sich auf Studium oder eine Ausbildung vorzubereiten. Daneben haben sie Freizeitbeschäftigungen und Hobbies wie andere junge Menschen auch. Bei Problemen unterstützen die Initiativen von Nestwerk mit Gespräch oder Mediation – darüber hinaus gibt es in Berlin Hunderte von Gruppen, an die man sich bei speziellen Fragestellungen etwa zu Gesundheit, Ausbildung usw. wenden kann.

Welche Erfahrungen habt ihr bislang mit Familien gemacht, die ihre Bude schon rausgerückt haben?

Kerstin Hack: So unterschiedlich wie Menschen sind, so unterschiedlich waren auch die Erfahrungen. In vielen Fällen ist in der Zeit des Zusammenlebens eine echte, dauerhafte Freundschaft zwischen allen Beteiligten entstanden. In anderen Fällen gab es – wie in jeder WG oder Familie – auch mal Knatsch oder man stellte fest, dass es doch nicht so gut passt.

Wenn Menschen eine ganze Wohnung haben– können sie die auch anbieten?

Kerstin Hack: Ja, klar. Unser Ziel ist es, möglichst viele Menschen aus Massenunterkünften heraus zu bekommen und ihnen das Wohnen bei und mit Einheimischen zu ermöglichen.  Viele Familien oder auch Freunde, die zusammen eine WG gründen möchten, suchen nach Wohnraum. Wir freuen uns über jedes Wohnungsangebot, das von Größe und Preis her angemessen ist.

Nachgefragt von Fanny Zschau, Digital Diva Deluxe I Media Services

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